Gegner
Union: Kultklub und Sehnsuchtsort

Union Berlin ist der etwas andere Verein, aber fühlt sich im „Neuland“ Bundesliga bereits sehr wohl.

Dieses letzte Heimspiel, das erst fünfte in der Bundesliga, war einfach nur zum Genießen. Natürlich, wegen des Sieges, aber auch sonst hat ziemlich viel gepasst bei Union Berlin. Mit dem 2:0 gegen den SC Freiburg blieb der Aufsteiger zum ersten Mal ohne Gegentor, sammelte die Punkte fünf bis sieben im Oberhaus und steht nun dort, wo er gerne auch am Ende der Saison landen würde: auf Platz 14 – und damit hätte man nichts zu tun mit dem Abstieg. Von diesem Ziel sind die Berliner noch ein Stück entfernt nach acht Spieltagen, aber immerhin sind sie im Moment die Besten der drei Liga-Neulinge. Man habe gesehen, sagte Innenverteidiger Kevin Schlotterbeck nach dem zweiten Saisonsieg, „was mit einer Willensleistung drin ist“.

Arbeiten und kämpfen, das passt zu Union, zu den „Eisernen“. In der DDR war der Klub der Gegenpart zum BFC Dynamo Berlin, dem Lieblingsklub von Stasi-Chef Erich Mielke. Wer für die Köpenicker war, übte stille Kritik. In den achtziger Jahren wurde sie lauter, bei Freistößen tönte es aus der Union-Ecke: „Die Mauer muss weg.“

Auch heutzutage passt Union nicht ganz ins Raster des modernen Fußballs. Sehnsuchtsort für Fußball-Romantiker, der FC St. Pauli des Ostens, Kultklub – Bezeichnungen gibt es viele für Union, weil der Verein eben ein bisschen anders ist. Das fängt beim Stadion an, der „Alten Försterei“ mit den drei Stehtribünen, und hört beim Trainer Urs Fischer auf. In seiner Heimat traute man dem Schweizer trotz Erfolgen mit dem FC Basel, nicht die ganz große Karriere zu. 2018 wechselte er zu Union und führte den Klub gleich in seiner ersten Saison in die Bundesliga. Er muss sich nicht verbiegen, seine direkte Art gefällt den Menschen bei Union.

Es verändert sich nichts, gar nichts, denn dann müssten wir uns ja verändern.

Präsident Dirk Zingler

Nach der Wende kämpften die Berliner wie viele ehemalige DDR-Klubs um die finanzielle und sportliche Existenz. Dass man sich wieder aufrappelte, ist auch Dirk Zingler zu verdanken. Der Baustoff-Unternehmer aus Brandenburg übernahm den Verein vor 15 Jahren stellte ihn neu auf. Davor war er als Fan auf der Gegengeraden in der „Alten Försterei“ gestanden. Und nach dem Aufstieg hatte er einen Plan. „Es verändert sich nichts, gar nichts“, versprach er, denn dann „müssten wir uns ja verändern“. Nun ja, ganz ohne Investitionen ging es natürlich nicht. Insgesamt 14 neue Spieler wurden im Sommer verpflichtet, darunter drei mit viel Bundesliga-Erfahrung: Innenverteidiger Neven Subotic, Mittelfeldspieler Christian Gentner und Stürmer Anthony Ujah. Trotzdem ahnte Manager Oliver Ruhnert im Sommer: „Es wird vieles Neuland werden.“

Das Abenteuer Bundesliga hat nicht gut begonnen für die „Eisernen“, mit einem 0:4 gegen RB Leipzig. „Wir wissen jetzt, dass der Hase in der Bundesliga anders läuft", sagte Mittelfeldspieler Grischa Prömel im August. Und Trainer Fischer musste feststellen: „Wir sind angekommen – am Boden.“ Aber die Unioner ließen sich nicht unterkriegen, eine Woche später gab es bereits den ersten Punkt (1:1 gegen den FC Augsburg), ehe sie den hochgehandelten Vizemeister Borussia Dortmund daheim 3:1 bezwangen und sich Respekt in der Liga verschafften.

Nun geht es also nach München. Unter der Woche schaute sich die Mannschaft gemeinsam den Film über den Aufstieg im vergangenen Mai an („Die Zeit ist nun gekommen“) – als Einstimmung auf das Spiel beim FC Bayern. Ihren ersten Auftritt gegen den Rekordmeister in der Allianz Arena wollen die Berliner wieder genießen.