Gegner
Paderborn und das abenteuerliche Tänzchen

Der Mut des Bundesliga-Rückkehrers zum Highspeed-Fußball wird bisher zu selten belohnt, aber Trainer Baumgart nimmt in Kauf, „richtig was auf die Nase“ zu bekommen.

Sie sind gekommen, um zu bleiben. Nicht nur wieder ein Jahr, sondern länger soll „das Tänzchen“, wie Trainer Steffen Baumgart das Bundesliga-Gastspiel am Saisonanfang bezeichnet hat, für den SC Paderborn 07 dieses Mal dauern. Aber es ist nicht einfacher geworden als beim ersten Mal, im Gegenteil. Das 1:2 gegen Hertha BSC am vergangenen Wochenende war bereits die 14. Niederlage, kein Team hat öfter verloren. „Offensiv wie defensiv“, stellte Baumgart fest, „haben wir nicht so gearbeitet, um hier bestehen zu können.“  

Der ehemalige Profi hatte sich im vergangenen Sommer keine Illusionen gemacht, sondern geahnt, „dass wir in dem einen oder anderen Spiel mal richtig was auf die Nase kriegen“. So oft ist das noch gar nicht passiert, das 1:5 gegen Schalke im September war die bisher höchste Saisonniederlage. Paderborn wehrt sich, spielt oft nicht schlecht, aber zu selten erfolgreich.  Zwei Siege daheim, zwei auswärts, insgesamt holte die Mannschaft 16 Punkte aus den 22 Partien und ist damit Tabellenletzter. „Die Bundesliga bleibt für uns ein großes Abenteuer“, sagte Baumgart vor dem Duell mit dem FC Bayern. Neben den Rekonvaleszenten Luca Kilian und Abdelhamid Sabiri fehlt gegen den Rekordmeister auch Jamilu Collins. Der Linksverteidiger hatte zuletzt wiederholt über Schwindelgefühlte geklagt. Es sei nichts Gravierendes, sagte Baumgart, „sondern einfach Erschöpfung“. 

Die Bundesliga bleibt für uns ein großes Abenteuer.

Trainer Steffen Baumgart

Vor fünf Jahren hatte es für die Ostwestfalen lange besser ausgesehen, nach einer großen Überraschung. Sie hatten nach einer guten Hinrunde im Mittelfeld überwintert, aber zu den 19 Punkten aus der ersten Hälfte waren nur noch zwölf in der zweiten Hälfte dazugekommen, das bedeute Platz 18 und den Abstieg. Aber statt sofort wie geplant wieder die Rückkehr anzupacken, ging es weiter bergab, in die 3. Liga. Dass es ein Jahr später nicht noch einen Abstieg gab, hatte Paderborn der Lizenzverweigerung für den TSV 1860 zu verdanken. Der Klassenerhalt am grünen Tisch war der Tiefpunkt in der jüngeren Klubgeschichte, aber gleichzeitig die Wende.

Es ist nicht nur viel passiert in Paderborn seit der ersten Bundesliga-Stippvisite – es hat sich auch viel verändert. 2014 waren die Ostwestfalen für ihre provinziellen Bedingungen noch belächelt worden. Der Coach musste sich damals beim Training in der Wohnung des Hausmeisters der Paderkampfbahn umziehen. Die Übungsgeräte lagerten in einer Garage und Abendspiele durfte es wegen der Beschwerden der Anwohner keine geben. Mittlerweile entstand neben der Benteler Arena ein modernes Leistungszentrum. Das Stadion ist zwar noch immer zu klein für die Ansprüche eines Bundesligisten, allerdings ist eine Erweiterung angedacht. Das provinzielle Image wird der Verein, der sich nach dem Aufstieg mit Nobodys verstärkte, trotz der Modernisierungsmaßnahmen nicht los. Aber der mutige Spielstil, den Baumgart der Mannschaft verpasst hat, hat etwas Besonderes, wenngleich in der höchsten Klasse riskant für einen Außenseiter wie Paderborn. Das Motto des Ex-Profis: „Offenes Visier, Feuer frei“ – also lieber mit voller Leidenschaft ins Verderben als ermauerte Punkte.

Sport-Geschäftsführer Martin Przondziono stützte auch noch nach den ersten Rückschlägen in der Bundesliga Baumgarts System. „Wir wollen kein 0:0 über die Zeit retten. Das können wir auch gar nicht. Das steckt in unseren Spielern nicht drin“, sagte der Nachfolger des nach Leipzig abgewanderten Markus Krösche. In der zweiten Liga erzielten die Ostwestfalen damit 76 Tore, ein Jahr davor in der 3. Liga waren es gar 90.  In der Bundesliga sind es jetzt nach 22 Spieltagen gerade einmal 27. Wenigstens in dieser Bilanz schneidet die aktuelle Mannschaft besser ab als jene vor fünf Jahren. Damals hatte Paderborn am Ende nur 31 Treffer auf dem Konto.