Gegner
Freiburg und die Quadratur des Kreises

Die Breisgauer kämpfen als Tabellenachter noch um die Europa League, Trainer Christian Streich weiß aber aus Erfahrung, dass es aufgrund der zusätzlichen Belastung „richtig kompliziert“ werden würde.

Der SC Freiburg steckt im Dilemma. Einerseits wäre das Erreichen eines internationalen Wettbewerbs ein Riesenerfolg. Im Moment fehlt den Breisgauern als Achter nur ein Punkt auf Platz sechs, der wohl auch in diesem Jahr für die direkte Qualifikation für die Europa League reichen wird. Andererseits hat diese zusätzliche Belastung dem Sportclub bisher meist große Probleme bereitet. „Wir wissen, was das für die kommende Saison bedeutet“, sagte Trainer Christian Streich nach dem 2:1-Sieg gegen Hertha BSC unter der Woche. „Das wird richtig kompliziert. Da geht es um die Quadratur des Kreises.“ Als sich der Sportclub zuletzt 2013 für die Europa League qualifizierte, kämpfte die Mannschaft in der Bundesliga lange gegen den Abstieg. Streich gibt jedoch zu: „Es ist nicht so, dass mich die Europa League nicht interessiert, aber darum geht es auch nicht. Freiburg hat viele Fans und Sympathisanten. Und wir wollen den Leuten, die schon seit Monaten nicht ins Stadion können, einen richtig tollen Samstagnachmittag bieten. Und wenn uns das gelingt, dann bin ich glücklich.

In dieser Saison war Streich vor allem gegen Top-Klubs oftmals glücklich. Seine Mannschaft hat Mönchengladbach und Leipzig besiegt, dazu Dortmund und Leverkusen jeweils einmal ein Unentschieden abgetrotzt. Vor dem Auftritt beim Tabellenführer hoffen die Freiburger darauf, dass der FC Bayern die vorzeitig vollbrachte Meisterschaft ausgiebig gefeiert hat, „dann haben wir vielleicht eine Chance“, sagt der Ex-Münchner Nils Petersen, Sieg-Torschütze gegen Berlin. Sein Trainer glaubt jedoch nicht daran, dass den Bayern die kleine Party nach dem Spiel in Bremen „noch groß in den Knochen hängt. Als Meister wollen sie zuhause nicht gegen uns verlieren. Dafür sind sie viel zu professionell und ehrgeizig.“ So wie 2017, damals standen die Münchner beim Duell mit dem Sportclub am letzten Spieltag längst als Meister fest und ließen dem Gegner dennoch keine Chance. Freiburg verlor 1:4. Auch damals war es um die Qualifikation für die Europa League gegangen.

Freiburg hat viele Fans. Wir wollen den Leuten, die seit Monaten nicht ins Stadion können, einen richtig tollen Samstagnachmittag bieten.

Trainer Christian Streich

Der SC-Coach ist keiner, der damit hadert, wieder kurz vor Saisonende auf den stärksten Gegner der Liga zu treffen. Stattdessen beglückwünschte er die Bayern und vor allem den Trainerkollegen Flick: „Ich freue mich persönlich für Hansi, weil er Großartiges geleistet hat in den Monaten, seit er in dieser Position ist.“  

Streich ist seit Ende 2011 das Gesicht des SC Freiburg, das sympathische Gesicht eines sympathischen Vereins. Und daran wird sich wohl so schnell auch nichts ändern. Vor ein paar Tagen erst verlängerte er seinen Vertrag, über die konkrete Laufzeit gab es keine Angaben.  Kontinuität, das ist den Breisgauern schon immer wichtig gewesen. Volker Finke war einst 16 Jahre auf der Trainerbank gesessen (1991 bis 2007), anschließend Robin Dutt vier Spielzeiten. Und nun Streich, der auf den einzigen Kurzzeit-Trainer der vergangenen knapp 30 Jahre, Marcus Sorg, folgte. Der 55-Jährige, der viele Jahre im Nachwuchs des Vereins gearbeitet hatte, lebt Fleiß, Leidenschaft, Disziplin und Loyalität vor – aber auch, dass man im Profi-Fußball immer mal wieder über den Tellerrand hinausblicken darf. Vor kurzem hat es der meinungsstarke Kult-Trainer sogar in die „New York Times“ geschafft. Die Zeitung nannte ihn „das soziale Gewissen des deutschen Fußballs“ und bezeichnete ihn als „Philosophen des Schwarzwalds“.

Traditionell haben Klub und Trainer vor der Saison den Klassenerhalt als Ziel ausgegeben. Dass in der spielerisch talentierten Mannschaft mehr steckt, hat sie dann aber auf Anhieb gezeigt. In den ersten sieben Partien kassierte sie nur eine Niederlage und war lange mittendrin im Kreis der Champions League-Aspiranten.  Im Gegensatz zum Vorjahr, als es in der zweiten Hälfte einen heftigen Einbruch gegeben hatte, gelang es den Freiburgern, das Niveau auch in der Rückrunde zu halten. Mit neun Punkten nach dem Re-Start holten der Sportclub allerdings ein bisschen weniger als die Konkurrenz um die Europa League-Plätze, Wolfsburg (10) und Hoffenheim (11). Aufgeben gibt es aber bei Streich nicht: „Wir wollen alles.“ Im Erfolgsfall dann eben auch eine komplizierte nächste Saison.