Gegner
Mit Galligkeit und Gier zur Wende

Leverkusen misslang wie im Vorjahr der Start in die neue Bundesliga-Saison. Sportdirektor Rudi Völler nimmt Trainer Heiko Herrlich in Schutz und stattdessen die Mannschaft in die Plicht: „Wir müssen jetzt aufwachen“.

 

Es ist vermutlich nicht so einfach für Heiko Herrlich, im Moment Ruhe zu bewahren. Der Trainer von Bayer Leverkusen hatte in den ersten Wochen der Bundesliga-Saison Kritik einstecken müssen, nicht unbedingt intern, aber in der Öffentlichkeit. Der Sportdirektor der Werkself sah sich deshalb vor der Partie in München bereits genötigt, seinem Coach den Rücken zu stärken. „Die Hysterie nervt“, sagte Rudi Völler.  „Es gibt auch andere ambitionierte Mannschaften, die nicht gepunktet haben.“

Die Tabelle hat nach zwei Spieltagen zwar noch keine große Aussagekraft, aber wenn ein Champions-League-Aspirant mit null Punkten auf dem 16. Platz steht, beginnt es im Umfeld eben zu rumoren. Herrlich blieb ziemlich cool bei all der Aufregung nach den beiden Niederlagen gegen Mönchengladbach (0:2) und Wolfsburg (1:3). „Ich bin froh, dass ich es abgekriegt habe und nicht die Spieler, denn ich stecke das weg.“

Die Mannschaft hat ja nicht schlecht spielt, weder zum Auftakt in Gladbach noch eine Woche später im Duell mit den „Wölfen“, aber jedes Mal war der Gegner effizienter. Torhüter Ramazan Özcan vermisste allerdings „die Besessenheit, die Gier, die Galligkeit. Mir fehlt, dass wir hier einfach mal rausgehen und jeden Zweikampf gewinnen wollen. Jeder dürfe „Fehler aus Leidenschaft machen, aber die Körpersprache und die Spannung habe ich bei einigen vermisst, sagte der Österreicher, der beim Auftakt selbst gepatzt hatte. Auch Völler sieht die Mannschaft in der Pflicht: „Einige Spieler haben mir ein wenig zu viel davon gesprochen, wie gut wir sind und wie weit vorne wir landen können. Mein Tipp: Nicht so viel reden, mehr machen. Auf dem Platz. Wir müssen jetzt aufwachen.“

Nicht nur die Spieler waren sich vor dem Saisonstart sicher, dass sie dort weitermachen können, wo sie ein paar Monate zuvor aufgehört hatten – als Fünfter hatte Leverkusen nur knapp die Champions-League-Plätze verpasst. „Wir fangen nicht wieder bei null an“, sagte Kapitän Lars Bender im Sommer. Auch die Verantwortlichen glaubten sich bestens gerüstet für die neue Spielzeit. Statt eines Umbruchs wie ein Jahr zuvor, sollte dieses Mal nur eine Weiterentwicklung in der Mannschaft stattfinden. In Torhüter Bernd Leno (zum FC Arsenal) und Rechtsverteidiger Benjamin Henrichs (AS Monaco) verließen zwar zwei wichtige Stützen den Verein, aber Bayer war sicher, die Lücken schließen zu können.

Mein Tipp: Nicht so viel reden, mehr machen. Auf dem Platz.

Wir müssen jetzt aufwachen.

Sportdirektor Rudi Völler

Als Leno-Nachfolger kam Lukas Hradecky von Pokalsieger Eintracht Frankfurt, aber der Slowake musste nach einer Zahn-Operation zu Saisonbeginn erst einmal pausieren und wurde von Özcan vertreten. In München könnte nun Hradecky sein Debüt feiern. Dafür fehlt Mittelfeld-Abräumer Charles Aránguiz (Knieprobleme). Henrichs Position übernahm der Ex-Münchner Mitchell Weiser (kam von Hertha BSC). Bei Talenten wie Kai Havertz aus dem eigenen Nachwuchs, der gerade sein Debüt in der deutschen Nationalmannschaft gegeben hat und zum besten Nachwuchsspieler des Jahres vom DFB gekürt wurde, hoffen die Bayer-Verantwortlichen auf den nächsten Schritt. Denn ein großes Defizit des Vorjahres war laut Herrlich die „fehlende Widerstandskraft“. Bei deutlicher spielerischer Überlegenheit war es den Leverkusenern oft nicht gelungen, das Spiel vorzeitig zu entscheiden. „Wir müssen lernen zu killen“, hatte der Trainer deshalb immer wieder gefordert.

Und genau das gelang nun in den ersten zwei Spielen nicht. Herrlich bezeichnet es als „Herausforderung, die Mannschaft auf Spur zu bringen und Punkte zu holen.“ Völler hat keine Zweifel, dass Herrlich, die Wende gelingt. Er ist „komplett überzeugt von den offensiven Qualitäten unserer Mannschaft“, sagt der Sportdirektor. Außerdem kennt der 46 Jahre alte Trainer die Situation. Auch vor einem Jahr war der Auftakt misslungen mit nur einem Punkt nach drei Spieltagen – und am Ende wurde Herrlich für eine erfolgreiche Saison gefeiert.