Gegner
BVB ohne dreifachen Salto

Dortmund kehrte unter Trainer Lucien Favre zu alter Stärke zurück und überzeugte vor allem in der Hinrunde mit Tempofußball. Vor dem Spitzenspiel geben sich die Westfalen unaufgeregt.

Lucien Favre ließ sich nicht locken. Nein, es werde noch keine Vorentscheidung im Kampf um die Meisterschaft fallen, blieb der Trainer von Borussia Dortmund beharrlich. „Es sind noch sieben Spiele, und das ist das nächste.“ Gut, gab er dann immerhin zu, diese Partie in München, sei schon „ein wenig mehr speziell. Wegen der Tabelle. Und weil es Bayern ist und Dortmund.“ Die Duelle der beiden erfolgreichsten Mannschaften der Bundesliga sind seit Jahren speziell. Und in dieser Saison eben besonders. Zum ersten Mal seit 2012 treffen sich die beiden in der Rückrunde wieder auf Augenhöhe. Wie vor sieben Jahren führt der BVB die Tabelle vor dem Gipfeltreffen an, damals war man drei Punkte voraus, jetzt sind es zwei. Wieder zwei. Denn den ersten Platz haben die Westfalen erst am vergangenen Spieltag zurückerobert, als sie sich nach zähen 90 Minuten gegen Wolfsburg in der Nachspielzeit wieder einmal auf Paco Alcacer verlassen konnten. In München muss Dortmund aber um seinen Torjäger bangen, weil ein Sturz auf den Arm vor einer Woche doch folgenreicher war als zunächst angenommen. Fraglich sind auch die Einsätze von Abdou Diallo und Lukasz Piszczek. Sicher fehlen werden Achraf Hakimi, Christian Pulisic und Maximilian Philipp.

„Es sind noch sieben Spiele, und das ist das nächste.“

Lucien Favre

Gerade rechtzeitig zeigt bei Borussia Dortmund die Kurve wieder leicht nach oben. Den Tiefpunkt hatte der Klub Mitte März erlebt, als sich die Mannschaft zunächst ziemlich sang- und klanglos gegen Tottenham Hotspur aus der Champions League verabschiedet und kurz danach auch noch die Tabellenführung verloren hatte. Seit dem fünften Spieltag waren die Westfalen ganz oben in der Bundesliga gestanden, hatten im November sogar neun Punkte Vorsprung und zudem das bessere Torverhältnis, aber nach der Winterpause war das Gleichgewicht verschwunden, auf das Favre bei seinen Teams so viel Wert legt. „Wenn die Balance gut funktioniert, hast du größere Chancen, erfolgreich zu sein“, hatte der Schweizer im Sommer bei seiner Vorstellung gesagt - als vierter Trainer in 15 Monaten. In der vergangenen Saison war die Qualifikation für die Champions League nur mit Mühe gelungen, es musste ein Neustart her. Neben Michael Zorc installierten die Dortmunder in Sebastian Kehl einen neuen Leiter der Lizenzspielerabteilung und verpflichteten Matthias Sammer als externen Berater. Der Umbau der Mannschaft wurden ebenfalls forciert, unter anderem mit den Verpflichtungen der Defensivspieler Diallo (Mainz) und Hakimi (ausgeliehen von Real Madrid) sowie des Mittelfeldmannes Axel Witsel aus Belgien und dem Last-Minute-Transfer von Alcacer (ausgeliehen vom FC Barcelona).

Favre erfüllte die Hoffnungen auf Anhieb. Sein junges Team verblüffte national und vor allem auch international die Konkurrenz, der Höhepunkt des Dortmunder Spielrausches im Herbst war ein 4:0 gegen Atletico Madrid. Die Basis des erfolgreichen Tempofußballs war zum einen, dass Marco Reus weitestgehend verletzungsfrei blieb und zum anderen, dass die Neuzugänge durch die Reihe überzeugten. Neben dem treffsicheren Alcacer begeisterte vor allem Jungprofi Jadon Sancho (19), den der BVB bereits 2017 aus der Jugendakademie von Manchester City geholt hatte.

Trotzdem sprach in Dortmund in der ersten Saisonhälfte niemand öffentlich von der Meisterschaft, erst Mitte der Rückrunde, als der FC Bayern gleichgezogen hatte, rief Zorc den Titel als Ziel aus. Man wollte den Neustart „nicht gleich mit einer überzogenen Erwartungshaltung überfrachten“, erklärte der Sportdirektor. „Ich finde es viel angenehmer, dass sich die Dinge im Verlauf der Saison entwickeln können.“ Sie haben sich entwickelt, im März zunächst in die eine Richtung, dann, am Ende des Monats, wieder in die andere. Und so kommt der BVB am Samstag als Tabellenführer in die Allianz Arena: „Wir freuen uns auf dieses Spiel“, sagte Zorc. „Aber wir müssen auch keinen dreifachen Salto machen.“