Gegner
Mit innerer Ruhe weiter nach oben

Julian Nagelsmann hat auch in seiner letzten Saison als Cheftrainer bei der TSG Hoffenheim ehrgeizige Ziele und keine Angst mehr vor der Dreifach-Belastung. Vor seinem Wechsel nach Leipzig möchte er die Mannschaft noch flexibler machen. 

Es hätte beim Auftakt in die neue Saison kaum besser laufen können für die TSG 1899 Hoffenheim. „Ich habe vor dem Spiel gesagt, dass man oft Geduld braucht als Favorit, aber wir haben keine Geduld gebraucht“, sagte Julian Nagelsmann nach dem 6:1-Sieg in der ersten Runde des DFB-Pokals gegen den 1. FC Kaiserslautern. Der Auftritt der Kraichgauer beim Drittligisten war ganz nach dem Geschmack des ehrgeizigen und anspruchsvollen Trainers, zumal in Nadiem Amiri, Keren Demirbay, Dennis Geiger, Lukas Rupp und Benjamin Hübner wichtige Stützen längerfristig verletzt ausfallen. Im Pokal stach vor allem ein Spieler heraus: Der Brasilianer Joelinton erzielte die Hälfte der Hoffenheimer Tore in der Pfalz und erfuhr anschließend von seinem Trainer eine besondere Anerkennung. „Er ist schon eine Kante, die eklig zu verteidigen ist“, sagte Nagelsmann über den langen Angreifer. 

Vor dem ersten Pflichtspiel hatten aber andere Zugänge im Fokus gestanden. Rückkehrer Lorenzo Grifo zum Beispiel, Leonardo Bittencourt von Absteiger 1. FC Köln, Ishak Belfodil von Werder Bremen und vor allem Toptransfer Kasim Adams. Der ghanaische Innenverteidiger kam von den Young Boys Bern. Joelinton hatte dagegen gerade zwei Ausbildungsjahre bei Rapid Wien hinter sich. 2015 war er vom Sport Club do Recife in den Kraichgau gekommen, aber hatte zunächst große Probleme, sich in der Bundesliga zurechtzufinden. Die TSG schickte ihn deshalb auf Leihbasis nach Österreich, und dort, findet Nagelsmann, habe er sich gut entwickelt. „Was mir gefällt: Er hört nicht auf zu spielen und ist defensiv sehr unangenehm. Der Gegenspieler hat das Gefühl, er ist vorbei an ihm, und dann kommt er mit seinen ewig langen Gräten.“ Es sieht so aus, als ob Joelinton nun im zweiten Anlauf doch noch angekommen ist in Hoffenheim und er mithelfen könnte, die Lücke zu füllen, die Serge Gnabry und Mark Uth in der Offensive hinterlassen haben.

Hoffenheim hat sich auf die neue Saison vorbereitet, als ob nichts passiert wäre. Für Nagelsmann wird es das letzte Jahr im Klub sein, er zieht im nächsten Jahr weiter zu RB Leipzig. Für seine aktuelle Arbeit in Hoffenheim „spielt das kein Rolle“ versichert er. Ganz bewusst hat er den bevorstehenden Vereinswechsel so früh angekündigt. „Es geht um meine innere Ruhe und die, die ich mit der Mannschaft habe“, erklärte der Trainer, der auch zu Real Madrid hätte wechseln können, sich für den Job aber zu jung fühlte. 

Mit den Kraichgauern hat er noch große Pläne in seiner Abschiedssaison. „Wer mich kennt, der weiß, dass ich immer höherer Ziele anstrebe“, sagt der 31-Jährige. Seit er im Februar 2016 die TSG auf dem vorletzten Tabellenplatz übernommen hat, ging es steil bergauf. Im ersten Jahr gelang noch der Klassenerhalt, dann wurden die Hoffenheimer Vierter, nun Dritter. Damit hat sich der Verein zehn Jahre nach dem Bundesliga-Aufstieg zum ersten Mal für die Champions League qualifiziert.

„Die logische Reihenfolge wäre, jetzt Zweiter zu werden. Ich glaube, das wird eng, aber probieren wir es.“

Julian Nagelsmann, Trainer TSG Hoffenheim 1899

Neben den an Resultaten messbaren Erfolgen hat er es in den zweieinhalb Jahren als Cheftrainer in Hoffenheim immer wieder geschafft, Spieler weiterzuentwickeln. Das, sowie wieder ganz oben in der Bundesliga mitspielen und sich in der Königsklasse bewähren, hat sich Nagelsmann vorgenommen. Hoffenheim sei im internationalen Wettbewerb ja „ein recht kleines Licht“. In der vergangenen Saison, als die Mannschaft zum ersten Mal international dabei war, habe man vielleicht „zu viel Angst vor der Belastung gehabt“, gibt Nagelsmann zu. An seinem System will er nicht viel ändern, aber aus Mittelfeld und Abwehr gefährlicher agieren und damit flexibler werden.

Im vergangenen Jahr hatten die Kraichgauer mit 66 Toren zwar die zweitbeste Offensive hinter dem FC Bayern, aber die Tore gingen überdurchschnittlich oft auf das Konto der Stürmer. „Wir müssen mit dem Problem fertig werden, dass viele Mannschaften gegen uns sehr tief stehen. Dafür braucht es dann Torgefahr aus der zweiten Reihe. Das ist ein Projekt für uns.“